Als Matthias Heinze weiß ich aus eigener Erfahrung: Die Bremsanlage ist das wichtigste Sicherheitssystem an Ihrem Motorrad. Und die Bremsflüssigkeit spielt dabei eine absolut zentrale Rolle. Sie ist das Medium, das die Kraft vom Bremshebel oder -pedal auf die Bremsbeläge überträgt. Wenn diese Flüssigkeit aber alt und verbraucht ist, kann das fatale Folgen haben. Deshalb ist der regelmäßige Wechsel unerlässlich. In diesem Artikel führe ich Sie durch die Gründe, warum der Wechsel so wichtig ist, wie Sie die richtige Flüssigkeit finden und wie Sie den Wechsel entweder selbst durchführen oder wann Sie besser die Werkstatt aufsuchen sollten. Wir werfen auch einen Blick auf die Kosten und den Aufwand.
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Sicheres Bremsen am Motorrad So wechseln Sie die Bremsflüssigkeit richtig
- Die Bremsflüssigkeit sollte aus Sicherheitsgründen spätestens alle zwei Jahre gewechselt werden, da sie Wasser zieht und den Siedepunkt senkt.
- Alte Bremsflüssigkeit kann zu Dampfblasenbildung und im schlimmsten Fall zu Bremsversagen führen.
- Verwenden Sie immer die vom Hersteller vorgeschriebene Bremsflüssigkeit, meist DOT 4 oder DOT 5.1, und mischen Sie niemals Flüssigkeiten auf unterschiedlicher Basis (z.B. DOT 5).
- Ein Werkstattwechsel kostet in Deutschland typischerweise zwischen 50 € und 100 €, während der DIY-Wechsel Materialkosten spart.
- Der eigenständige Wechsel erfordert Sorgfalt und technisches Verständnis; bei komplexen Systemen wie Integral-ABS ist die Fachwerkstatt ratsam.
Warum der Bremsflüssigkeitswechsel lebenswichtig ist
Die Bremsflüssigkeit ist ein wahrer "Wasserjäger". Sie ist hygroskopisch, das bedeutet, sie zieht Feuchtigkeit aus der Umgebungsluft an. Das mag zunächst harmlos klingen, aber denken Sie an die extremen Bedingungen, denen die Bremsen ausgesetzt sind: Hitzeentwicklung bei starker Beanspruchung, wie zum Beispiel auf langen Abfahrten oder bei sportlicher Fahrweise. Wasser in der Bremsflüssigkeit senkt deren Siedepunkt drastisch. Während neue Bremsflüssigkeit oft einen Siedepunkt von über 200°C hat, kann dieser Wert durch Wasseraufnahme auf unter 150°C sinken. Wenn die Bremsanlage nun heiß wird, beginnt das Wasser in der Flüssigkeit zu sieden und bildet Dampfblasen. Und hier wird es kritisch: Gase lassen sich komprimieren, Flüssigkeiten nicht. Wenn Sie nun den Bremshebel ziehen, wird die Kraft nicht mehr direkt auf die Bremsbeläge übertragen, sondern zuerst die Dampfblasen komprimiert. Das Ergebnis ist ein "schwammiges" Gefühl am Hebel und im schlimmsten Fall und das ist keine Übertreibung ein plötzliches und vollständiges Bremsversagen. Ganz zu schweigen davon, dass Wasser auch Korrosion im Bremssystem verursachen kann, was auf lange Sicht zu teuren Schäden führt.

Wann die Bremsflüssigkeit gewechselt werden muss
Die 2-Jahres-Regel: Warum die Zeit wichtiger ist als die Kilometer
Die Faustregel besagt: Bremsflüssigkeit alle zwei Jahre wechseln. Und ich kann Ihnen aus meiner Erfahrung sagen, diese Regel ist Gold wert. Es ist tatsächlich wichtiger, die Flüssigkeit nach einem festen Zeitintervall zu wechseln, als sich nur auf die gefahrenen Kilometer zu verlassen. Der Grund liegt, wie bereits erwähnt, in der Hygroskopie. Selbst wenn Ihr Motorrad die meiste Zeit in der Garage steht, zieht die Bremsflüssigkeit über die Zeit Feuchtigkeit aus der Luft. Dieser Prozess findet kontinuierlich statt, unabhängig davon, ob Sie gerade eine Rennstrecke unsicher machen oder gemütlich durch die Stadt cruisen. Nach zwei Jahren ist der Wasseranteil in der Regel so hoch, dass der Siedepunkt bedenklich sinkt und die Korrosionsgefahr steigt.
Sehen, was Sache ist: Eine einfache Sichtprüfung des Ausgleichsbehälters
Bevor Sie überhaupt an einen Wechsel denken, werfen Sie einen Blick in den Bremsflüssigkeitsbehälter. Er befindet sich meist am Lenker (Vorderradbremse) und manchmal auch am Rahmen (Hinterradbremse). Ist die Flüssigkeit klar bis leicht bernsteinfarben, sieht alles noch gut aus. Wenn die Flüssigkeit aber dunkelbraun, trüb oder sogar fast schwarz ist, ist das ein deutliches Warnsignal. Das deutet auf eine stark gealterte, verunreinigte oder thermisch belastete Bremsflüssigkeit hin. In diesem Fall sollten Sie den Wechsel nicht aufschieben.
Warnsignale während der Fahrt: Worauf Sie beim Bremsen achten müssen
Manchmal meldet sich das Bremssystem auch direkt während der Fahrt zu Wort. Achten Sie auf Anzeichen wie ein plötzliches "schwammiges" oder "weiches" Gefühl am Bremshebel, besonders nach starker Beanspruchung. Wenn Sie das Gefühl haben, den Hebel bis zum Lenker ziehen zu müssen, um eine ausreichende Bremswirkung zu erzielen, ist das ein ernstes Warnsignal. Auch eine nachlassende Bremsleistung, die Sie deutlich spüren, kann auf Probleme mit der Bremsflüssigkeit hindeuten. Ignorieren Sie diese Symptome niemals!
Die richtige Bremsflüssigkeit für Ihr Motorrad finden
Kein Platz für Experimente: Warum die Herstellervorgabe heilig ist
Das ist ein Punkt, bei dem ich absolut keinen Spielraum für Diskussionen lasse: Verwenden Sie immer nur die Bremsflüssigkeit, die der Hersteller Ihres Motorrads vorschreibt. Die Spezifikationen (wie DOT 4, DOT 5.1 etc.) sind nicht nur Empfehlungen, sondern essenzielle Vorgaben für die einwandfreie Funktion und Sicherheit Ihrer Bremsanlage. Falsche Bremsflüssigkeit kann Dichtungen angreifen, Korrosion fördern und die Bremsleistung beeinträchtigen. Ein Blick ins Bordbuch oder auf die Website des Herstellers ist hier unerlässlich.
DOT 4 vs. 5. 1: Ein Vergleich für Motorräder mit und ohne ABS
Die gängigsten Spezifikationen für Motorräder sind DOT 4 und DOT 5.1. Beide basieren auf Glykol und sind untereinander mischbar. DOT 4 ist der Standard für viele ältere und auch neuere Motorräder. DOT 5.1 bietet oft einen noch höheren Siedepunkt und ist ebenfalls für viele moderne Systeme geeignet. Speziell für Motorräder mit ABS gibt es oft die Empfehlung für DOT 4 LV (Low Viscosity). Diese Flüssigkeiten sind dünnflüssiger und ermöglichen den schnellen und präzisen Druckaufbau in den feinen Kanälen moderner ABS-Systeme. Auch hier gilt: Der Hersteller weiß es am besten.
Die Todsünde: Warum Sie niemals Bremsflüssigkeiten auf unterschiedlicher Basis mischen dürfen
Jetzt wird es richtig wichtig: Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen den DOT-Klassifizierungen. Die Spezifikationen DOT 3, DOT 4 und DOT 5.1 basieren alle auf Glykol und sind miteinander mischbar. Sie sind hygroskopisch. Aber: DOT 5 ist auf Silikonbasis hergestellt. Diese Flüssigkeit ist nicht mit den glykolbasierten Flüssigkeiten mischbar! Wenn Sie DOT 5 mit DOT 4 oder 5.1 mischen, zerstören Sie die chemische Struktur, die Dichtungen können aufquellen oder verspröden, und das gesamte Bremssystem kann innerhalb kürzester Zeit unbrauchbar werden. Das ist keine Kleinigkeit, das ist ein absolutes No-Go und kann zum Totalausfall der Bremsen führen.
Bremsflüssigkeit selbst wechseln oder Werkstatt beauftragen?
Kosten im Check: Was verlangt die Werkstatt und was sparen Sie wirklich?
Ein Bremsflüssigkeitswechsel in einer Fachwerkstatt kostet in Deutschland in der Regel zwischen 50 und 100 Euro. Dieser Preis beinhaltet die Arbeitszeit, die Entsorgung der alten Flüssigkeit und die neue Bremsflüssigkeit. Wenn Sie den Wechsel selbst durchführen, fallen hauptsächlich Materialkosten an: eine Flasche Bremsflüssigkeit (ca. 10-20 Euro) und eventuell ein paar Euro für Kleinwerkzeug, falls Sie es noch nicht besitzen. Das Potenzial zur Ersparnis ist also durchaus vorhanden. Aber bedenken Sie: Zeit ist auch Geld, und vor allem ist die Sicherheit unbezahlbar.
Zeitaufwand und Schwierigkeit: Ist der DIY-Wechsel für Sie geeignet?
Der Wechsel der Bremsflüssigkeit ist keine Raketenwissenschaft, aber er erfordert Sorgfalt, Geduld und ein gewisses technisches Verständnis. Der reine Arbeitsaufwand liegt, wenn man geübt ist, bei etwa 30 bis 60 Minuten pro Bremse. Wenn Sie jedoch unsicher sind, zum ersten Mal Hand anlegen oder sich mit der Technik Ihres Motorrads nicht wohlfühlen, sollten Sie die Arbeit lieber einem Profi überlassen. Es ist eine sicherheitsrelevante Komponente, und Fehler können, wie wir wissen, gravierende Folgen haben.
Wenn der Profi ran muss: Bei diesen Bremssystemen sollten Sie nicht selbst Hand anlegen (z. B. Integral-ABS)
Gerade bei modernen Motorrädern mit komplexen Bremssystemen rate ich zur Vorsicht. Systeme wie Integral-ABS, bei denen die Bremsanlage elektronisch gesteuert wird, erfordern oft spezielles Werkzeug und Diagnosegeräte, um nach dem Wechsel korrekt entlüftet zu werden. Hier kann es sein, dass nach dem manuellen Entlüften Fehlermeldungen im System auftreten oder die Bremsfunktion nicht optimal ist. In solchen Fällen ist der Gang zur Fachwerkstatt die sicherste und oft auch die einzige richtige Option.

Bremsflüssigkeit am Motorrad selbst wechseln: Eine Anleitung
Vorbereitung ist alles: Benötigtes Werkzeug und Material im Überblick
- Neuen Bremsflüssigkeit (spezifizierte Sorte, z.B. DOT 4)
- Passende Ringschlüssel (meist 8mm oder 10mm) für die Entlüftungsnippel
- Ein Stück durchsichtiger Schlauch, der fest auf den Entlüftungsnippel passt
- Ein Auffangbehälter für die alte Bremsflüssigkeit
- Einwischtücher oder Lappen
- Handschuhe (Nitril oder ähnliches, da Bremsflüssigkeit aggressiv ist)
- Schutzbrille
- Optional: Ein Entlüftungsgerät (Vakuum- oder Druckentlüfter)
Schutzmaßnahmen: So vermeiden Sie Schäden an Lack und Haut
Bremsflüssigkeit ist aggressiv gegenüber Lack und Gummi. Bevor Sie beginnen, decken Sie lackierte Teile in der Nähe des Bremszylinders und des Bremssattels sorgfältig mit Lappen oder speziellem Schutzlack ab. Tragen Sie unbedingt Handschuhe und eine Schutzbrille, um Ihre Haut und Augen zu schützen. Sollte doch einmal etwas daneben gehen, wischen Sie die Bremsflüssigkeit sofort mit viel Wasser und einem sauberen Lappen ab.
Der Ausgleichsbehälter: Öffnen, reinigen und korrekt befüllen
- Stellen Sie sicher, dass das Motorrad gerade steht.
- Öffnen Sie vorsichtig den Ausgleichsbehälter der Vorderradbremse. Oft ist er mit einer oder zwei kleinen Schrauben gesichert.
- Saugen Sie die alte Bremsflüssigkeit mit einer Spritze oder einem sauberen Tuch aus dem Behälter ab.
- Reinigen Sie den Behälter innen gründlich mit einem sauberen Tuch.
- Füllen Sie den Behälter mit der neuen, vorgeschriebenen Bremsflüssigkeit bis zur Markierung "Max" auf. Achten Sie darauf, keine Luftblasen einzufüllen.
Der Entlüftungsprozess am Bremssattel: Die Pump-und-Halt-Methode im Detail
- Stecken Sie den durchsichtigen Schlauch fest auf den Entlüftungsnippel des Bremssattels.
- Führen Sie das andere Ende des Schlauchs in den Auffangbehälter, der idealerweise etwas neue Bremsflüssigkeit enthält, damit das Schlauchende immer unter Flüssigkeit bleibt.
- Bitten Sie einen Helfer, mehrmals den Bremshebel langsam und gleichmäßig zu betätigen (pumpen) und dann gezogen zu halten.
- Während der Helfer den Hebel gezogen hält, öffnen Sie vorsichtig den Entlüftungsnippel mit dem passenden Schlüssel. Bremsflüssigkeit und Luftblasen werden nun durch den Schlauch in den Auffangbehälter gedrückt.
- Schließen Sie den Entlüftungsnippel wieder, bevor der Helfer den Bremshebel loslässt.
- Wiederholen Sie die Schritte 3 bis 5, bis nur noch klare Bremsflüssigkeit ohne Luftblasen aus dem Nippel kommt.
- Kontrollieren Sie dabei regelmäßig den Füllstand im Ausgleichsbehälter und füllen Sie bei Bedarf nach, damit niemals Luft ins System gelangt.
Von vorne bis hinten: Die richtige Reihenfolge bei Doppelscheibenbremsen
Wenn Ihr Motorrad eine Doppelscheibenbremse vorne hat, ist die Reihenfolge entscheidend. Beginnen Sie immer mit dem Bremssattel, der am weitesten vom Hauptbremszylinder entfernt ist. Das ist in der Regel der linke Bremssattel. Erst wenn dieser vollständig entlüftet ist, widmen Sie sich dem rechten Bremssattel. Bei der Hinterradbremse gibt es nur einen Bremssattel, hier entfällt die Reihenfolge.
Abschluss und Kontrolle: Entlüftungsschrauben festziehen und Bremsdruck prüfen
- Stellen Sie sicher, dass alle Entlüftungsnippel fest, aber nicht überdreht, geschlossen sind. Das richtige Anzugsdrehmoment finden Sie im Werkstatthandbuch Ihres Motorrads.
- Füllen Sie den Ausgleichsbehälter bis zur "Max"-Markierung auf und schließen Sie ihn wieder fest.
- Ziehen Sie den Bremshebel mehrmals kräftig. Er sollte nun einen festen Druckpunkt haben und sich nicht mehr schwammig anfühlen.
- Machen Sie eine vorsichtige Probefahrt auf einem verkehrsarmen Gelände und testen Sie die Bremsleistung.
Häufige Fehler beim Bremsflüssigkeitswechsel vermeiden
- Leerpumpen des Ausgleichsbehälters: Wenn der Flüssigkeitsstand im Behälter zu niedrig wird, saugen Sie Luft ins System. Diese Luft muss dann mühsam wieder herausgepumpt werden, was den Prozess verlängert und fehleranfällig macht. Vermeidung: Immer den Füllstand im Auge behalten und rechtzeitig nachfüllen.
- Verschütten von Bremsflüssigkeit auf Lackteile: Bremsflüssigkeit greift Lacke und Kunststoffe an. Das führt zu matten Stellen oder sogar zur Ablösung des Lacks. Vermeidung: Lackierte Teile sorgfältig abdecken und verschüttete Flüssigkeit sofort mit viel Wasser abspülen.
- Überdrehen oder nicht korrektes Schließen der Entlüftungsschraube: Eine nicht richtig geschlossene Entlüftungsschraube lässt Luft ins System oder Bremsflüssigkeit austreten. Ein Überdrehen beschädigt das Gewinde des Bremssattels. Vermeidung: Schraube vorsichtig anziehen, bis sie dicht ist. Das richtige Drehmoment beachten, falls bekannt.
Alte Bremsflüssigkeit richtig entsorgen
Alte Bremsflüssigkeit ist Sondermüll und darf auf keinen Fall in die Toilette, den Abfluss oder den Hausmüll gelangen. Sie ist umweltschädlich und kann Grundwasser verunreinigen. Die fachgerechte Entsorgung ist einfach: Bringen Sie die alte Flüssigkeit in einem gut verschlossenen Behälter zur nächsten Wertstoffannahmestelle oder geben Sie sie bei vielen Werkstätten oder Händlern ab, die oft einen Sammelservice anbieten. So handeln Sie umweltbewusst und gesetzeskonform.
